Achtsamkeit - der neue Egoismus?

In den 60ger Jahren gab es mal einen schönen Film über „herrliche Zeiten“ mit Jaques Tati. Ein Komiker der nicht spricht aber alles so übertreibt, dass es sehr witzig ist und man sich direkt durchschaut fühlt. Im Film werden Moderne Zeiten mit der Unpersönlichkeit und Sterilität gleichgesetzt.

 

Ich habe immer sehr gelacht, habe den Film sogar noch im Kino schauen dürfen. Modern wurde damals sehr auf Technik bezogen. Technik gleich Fortschritt. Ähnlich wie heute im Rahmen der ganzen Diskussion über Megatrends wie Digitalisierung und Industrie 4.0.

Weit weniger populär sind Trends wie Individualisierung und Achtsamkeit.

 

Es gibt zahlreiche Angebote zum Thema Achtsamkeit: Workshops, Heldenreise, Retreats, Yoga und Achtsamkeit etc. Der Markt ist da, also gibt es ein Angebot.

 

Aber was genau passiert mit einigen Teilnehmern von Achtsamkeitsangeboten?

 

Ich habe in letzter Zeit immer mehr den Eindruck, dass Menschen in meiner nächsten Umgebung sehr darauf bedacht sind auf keinen Fall „zu kurz zu kommen“. Irgendwie waren sie man mal in der Situation, dass alle zu viel wurde und JETZT, dank Meditation und Achtsamkeit kommen vermehrt die Wörter: Hier setzte ich für mich meine Grenze… Dort muss ich schauen wo ich eigentlich bleibe….Das ist mein USP (Unique Selling Point)….

 

Viele hatten ein Training oder Kurs zur Achtsamkeit in irgendeiner Weise gebucht und waren begeistert! Endlich sage ich NEIN! ICh achte auch mich, grenze mich jetzt ab!

 

Bücher zu genau diesem Thema füllen die Regale. Was mir hier sofort in den Kopf kommt: „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“. Dieses Buch habe ich unter „Achtsamkeit“ bei Thalia gefunden.

 

Ehrlich gesagt, wurde mir schlecht beim Lesen. Sicher, es ist gut, mal NEIN zu sagen, wenn man immer dazu neigt bei allem JA zu sagen. Was ich aber vermehrt wahrnehme ist, dass vor allem bei weiblichen achtsamen Menschen so langsam eine neue Art Egoismus entstanden ist. Die Achtsamkeit steht nicht mehr als „achtsam sein zu Dir und Deiner Umgebung“ sondern, es werden hauptsächlich die eigenen Bedürfnisse gesehen.

 

Ich grenze mich ab!

Hier einige Beispiele aus meinem Bekanntenkreis, wo ich bei genauem Zuhören mich anschließend fragte, ob die Personen sich überhaupt im Klaren sind, wie die aussagen auch andere wirkten?

 

1) „Ich lade Euch alle zum Essen ein.“ – Antwort achtsamer Mensch: „Aber nicht zum Italiener bitte, dann geh ich nicht mit.“

 

2) Vorbereitung für ein Ehemaligentreffen. Frage an einen Gast: „wir würden uns gerne auf der Hälfte des Weges treffen. Zwischen München und Bonn. Was meinst Du?“ – Antwort achtsamer Mensch: „Ich komm nur, wenn es in München oder Bonn ist. Ein Wochenende ist mir zu lang, da muss ich mich jetzt auch mal abgrenzen. Ich kann ja nicht immer überall mitmachen.“

 

Und derlei fallen mir noch viele kleine Beispiele ein, die in Summe für keinen wirklich erquicklich sind.

Ein Konsens muss sich dann immer nach der Person richten, die „sich abgrenzen muss“, die „jetzt mal auf sich achten muss“ oder die „auch einfach mal die eigene Position durchsetzen will“.

 

Was passiert also mit der Gesellschaft wenn es alle geschafft haben endlich mal nein zu sagen und sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern?

 

Soll die achtsame Zukunft wirklich so aussehen?

Jeder grenzt sich ab?

Das Kollektiv gibt es gar nicht mehr?

Eine demokratische Entscheidung: ja – aber nur wenn es denen passt, die sich abgrenzen müssen?

 

Ein bunter Haufen von Individualisten wundert sich, dass sie weder beziehungsfähig sind, noch dass wie besonders wertschätzend behandelt werden. Ich möchte ungerne politisch werden aber es gibt heutzutage in vielen Ecken Menschen, die dafür Kämpfen wieder "alleine" zu sein. Integration wird fast als Belastung gesehen. Integration ist gleich Flüchtlinge oder behinderte Menschen eingliedern.

Das Integration auch die eigene Person beinhaltet bleibt außer Betracht.

 

Was also tun?

Was können wir tun um uns gleichzeitig abzugrenzen, wenn es wirklich relevant ist und auch mal ja zu sagen, obwohl wir dafür aus der eigenen Komfortzone rausgehen müssen. Einfach mal der Gemeinschaft wegen.

Wo sind wir WIR und wo bin ich ICH und wo bist du DU?

 

Wir sind diesbezüglich viel zu kopflastig geworden. Für alles gibt es Regeln, gute Beispiele, "das, wie MAN es machen soll"

 

Einfach mal früher aus sich hören!

Nicht erst warten bis man krank ist. Probleme wieder mit guten Freunden bereden. Offen auf Menschen zu gehen. Jemanden in die Augen  sehen, statt auf das Handy. Die kleinen Dinge wertschätzen. Sich freuen, wenn man gesund ist.

Sich freuen, wenn man leben darf - in Sicherheit und im Schoße einer tollen Gemeinschaft.

 

Ich plädiere auf systemische Achtsamkeit: da wird deutlich, wo sich mit der aktuellen „falsch verstandenen“ Achtsamkeit die Stellschrauben im System verändern.

Die Technik der Achtsamkeit kann nichts dafür, dass es von vielen mit „mehr Ich sein“ verwechselt wird.

Sie wird aus meiner Sicht nur sehr ich-bezogen angewendet.

 

In diesem Sinne: auf gegenseitige systemische Achtsamkeit!

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